Das wahre Gesicht der In-vitro-Methode

Autor: Mirosław Rucki

Auf den ersten Blick erscheint es unlogisch: Die gleichen Kreise, die die Abtreibung befürworten und um das Recht auf Tötung von Ungeborenen kämpfen, reden jetzt von einer massenhaften Unfruchtbarkeit und der Notwendigkeit, künstliche Befruchtung allgemein einzuführen. Und doch gibt es darin eine schauderhafte Konsequenz: Dies ist eine weitere Etappe im Krieg gegen das Leben, diesmal unter dem irreführenden Schlagwort der „Heilung von Unfruchtbarkeit“.

Die Tatsache, dass die In-vitro-Befruchtung keinesfalls eine Therapieform gegen Unfruchtbarkeit ist, ist allgemein bekannt. Immer häufiger kommt es vor, dass Ärzte, statt eine Unfruchtbarkeit zu behandeln, Eheleuten eine künstliche Befruchtung vorschlagen. Die meisten von uns wissen gar nicht, dass es eine gute, moralisch akzeptable Alternative für die In-vitro-Technik gibt: die sog. Naprotechnologie. Dieser Name stammt von der englischen Bezeichnung Natural Procreative Technology (Natürliche Fortpflanzungstechnologie), und ihr Erfinder ist der amerikanische Professor Thomas Hilgers. Diese Methode beruht auf einer sorgfältigen Untersuchung der physiologischen und biochemischen Veränderungen während des natürlichen Fruchtbarkeitszyklus sowie einer Therapie der festgestellten Störungen, welche für die Zeugungsschwierigkeiten verantwortlich sind. Selbstverständlich kann auch die Naprotechnologie keine 100-prozentige Erfolgsgarantie im Kampf gegen die Unfruchtbarkeit geben, aber im Unterschied zu den In-vitro-Methoden (die insgesamt viel weniger wirkungsvoll sind, da sie die Unfruchtbarkeit überhaupt nicht behandeln) stellt sie keine Gefahr für menschliches Leben dar. Künstliche Befruchtung hingegen geht unweigerlich mit Massenmord einher. Denn genau so müssen wir die massenhafte Tötung bereits gezeugter menschlicher Wesen bezeichnen.
     Blicken wir einen Moment auf das Schlachtfeld im Krieg gegen die ungeborenen menschlichen Wesen. Erinnern wir uns daran, dass der Erste Weltkrieg 10 Mio. Menschen das Leben gekostet hat. Leider haben wir daraus nicht die richtigen Schlüsse gezogen, und so hat der Zweite Weltkrieg weiteren 55 Mio. Menschen das Leben genommen. Man könnte meinen, nach etwas Derartigem sollten wir klüger geworden sein, doch stattdessen werden heute, im 21. Jahrhundert, 50 Mio. Kinder jährlich mit freiwilliger Zustimmung ihrer Eltern durch die Hand von Ärzten getötet. Jedes Jahr findet in den Mutterschößen ein Zweiter Weltkrieg statt, wobei weitere 50 Mio. wehrlose Wesen unter schrecklichen Qualen sterben, indem sie bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen, mit ätzenden Substanzen verbrannt oder auf andere unmenschliche Weise zu Tode gebracht werden. Und angesichts dieser Umstände werden Stimmen laut, es drohe uns „eine Epidemie der Unfruchtbarkeit“, die Menschheit werde in kürzester Zeit aufgrund von Unfruchtbarkeit aussterben und die einzige Rettung sei die künstliche Befruchtung…
Sieht man die Sache von dieser Seite, tritt ein grausamer Zynismus zutage. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund, zig Millionen Ungeborener zu töten, um dann auf künstliche Weise einen „Ersatz“ für sie zu produzieren. Die einzige Erklärung für ein solches Verhalten ist die Profitgier der Abtreibungsindustrie sowie der In-vitro-Industrie, die zu Massenmord, Lügen und Grausamkeit greifen und sich dabei auf den natürlichsten Wunsch des Menschen berufen: den Wunsch, Nachkommen zu zeugen.
Doch der Wunsch nach Nachkommen, der aus einer ganz natürlichen menschlichen Liebe hervorgeht und im Moment der Schöpfung in das menschliche Wesen eingeschrieben wurde („Seid fruchtbar und vermehrt euch!“), widerspricht der In-vitro-Methode von Grund auf. Liebe ist nämlich auf das Wohl des anderen Menschen ausgerichtet, nicht auf die Befriedigung eigener Bestrebungen und Wünsche. Wenn Eltern sich aus Liebe Kinder wünschen, wollen sie nur das Beste für diesen neuen Menschen, dem sie das Leben schenken wollen. Aber stellen wir uns einmal die ehrliche Frage: Kann die Produktion eines Menschen durch künstliche Befruchtung wirklich seinem Wohl dienen?
Leider nein. Denn etwas, das die Vernichtung menschlicher Wesen voraussetzt und die Würde der menschlichen Person verletzt (vgl. Kongregation für die Glaubenslehre: Instruktion „Dignitas personae“, die einige bioethische Fragen behandelt, 4), kann niemals für gut erachtet werden. Das menschliche Wesen muss von seiner Empfängnis an respektiert und als Person behandelt werden. Wie aber werden im Reagenzglas gezeugte Personen behandelt? Ihnen wird vor allem ein grundlegendes Recht verweigert, welches jedem menschlichen Wesen vom Schöpfer selbst verliehen wurde: das Recht, durch einen Akt der innigen Vereinigung zweier sich liebender Eheleute gezeugt zu werden (DP, 12). Jede Art von medizinischer „Hilfe“, die eine Zeugung ermöglichen soll, ist unannehmbar, wenn sie den normalen Akt der ehelichen Vereinigung ersetzt.
Auf der anderen Seite ist medizinische Hilfe sehr wohl zulässig, wenn sie auf die Beseitigung von Hindernissen für die natürliche Fruchtbarkeit abzielt. Methoden zur Therapie von Hormonstörungen oder die chirurgische Behandlung von Endometriose, die Durchspülung der Eierstöcke u.ä. sind effektive Methoden für die Wiederherstellung der natürlichen Fruchtbarkeit. Sie führen zu einer Beseitigung der Probleme, die der Unfruchtbarkeit zugrunde liegen, wodurch das Ehepaar die natürliche Möglichkeit der Lebensweitergabe wiedererlangt, ohne dass der Arzt direkt in den ehelichen Akt selbst eingreifen muss. Denn schließlich ist gemäß dem Plan des Schöpfers nur der eheliche Liebesakt der verantwortungsvollen Aufgabe würdig, Leben weiterzugeben (DP, 13).
Eheleute, die sich einer „Behandlung“ mit der In-vitro-Methode unterziehen, müssen wissen, dass sich trotz einiger oder gar über ein Dutzend teurer und demütigender Eingriffe das gewünschte Resultat vielleicht nicht einstellt. Knapp ein Drittel aller Frauen, die ihren Ausweg in künstlicher Befruchtung sehen, gebären am Ende auch ein Kind (DP, 14). Die übrigen zwei Drittel können sich noch nicht einmal damit trösten, wenigstens einem Kind das Leben geschenkt zu haben, nachdem sie zig andere ihrer Kinder dem Tod preisgegeben haben. Denn die In-vitro-Befruchtung ist unweigerlich mit der gezielten Vernichtung von Embryonen verbunden. Früher sagte man, dies hinge mit der ungenügenden Entwicklung dieser Methode zusammen, doch nach Jahren der Weiterentwicklung der In-vitro-Technologie zeigt sich, dass die Ursache woanders liegt. Bei dieser Methode wird der Mensch ganz einfach als Zellhaufen behandelt, den man benutzt, den man selektiert, verwirft und vernichtet. Die Experten für künstliche Befruchtung sehen darin moralisch nichts Tadelnswertes, und was bei dieser Prozedur am meisten beunruhigt: Der gezeugte Mensch wird gar nicht als Mensch behandelt, unabhängig davon, ob der Eingriff gelingt oder nicht. Der Arzt, der doch das menschliche Leben hochschätzen und um jeden Preis darum kämpfen sollte, wird zum Töpfer, der die misslungenen Töpfe einstampft und die besseren verkauft. Im Übrigen kassiert er selbst auch dann eine stattliche Summe, wenn er kein einziges qualitatives „Stück“ produziert…
Leider führt diese Herangehensweise solcher „Ärzte“ auch zu einer utilitaristischen Einstellung der Eltern gegenüber dem Leben ihrer Kinder. Immer häufiger nutzen auch Paare, die gar nicht unfruchtbar sind, die In-vitro-Methode, um ihren Nachwuchs einer künstlichen Selektion zu unterziehen. Und vergessen wir nicht, dass diese Selektion sich kaum von jener in den Konzentrationslagern der Nazis unterscheidet: Jene Kinder, die den Eltern nicht genehm sind (z.B. aufgrund eines „planwidrigen“ Geschlechts), werden einfach ermordet. Außerdem müssen die künstlich befruchteten Eizellen (also Menschen in der allerersten Phase ihrer Entwicklung) einen wahren Todesmarsch durchstehen: Dem Organismus der Mutter werden mehrere Embryonen eingepflanzt, wobei von vorneherein nur einem von ihnen ein Lebensrecht zugestanden wird. Falls sich mehrere Personen gleichzeitig in der Gebärmutter einnisten, greift der Arzt zur „Reduktion“, ermordet also alle Kinder bis auf eines, das dann geboren werden darf (falls es nicht zu einer Fehlgeburt kommt).
Auffallend ist die Tatsache, dass in keinem anderen Bereich der Medizin eine Behandlung von Menschen toleriert werden würde, die eine so hohe Sterblichkeitsrate aufweist. Die einzige Erklärung für die Akzeptanz dieser Sachlage bei der In-vitro-Methode ist die, dass der gezeugte Mensch nicht als Person angesehen wird. Er ist eher ein Rivale angesichts eines Wunsches, der befriedigt werden muss (DP, 15).
Es muss noch einmal betont werden, dass der Wunsch nach Nachkommen in sich selbst gut und richtig ist. Er darf jedoch nicht der Würde eines jeden menschlichen Lebens übergeordnet werden. Der Wunsch nach einem Kind kann keine Rechtfertigung für seine „Produktion“ sein, ebenso wie die Ablehnung eines gezeugten Kindes nicht rechtfertigt, es im Stich zu lassen oder gar zu vernichten (DP, 16). Die Kirche lehrt, dass die Liebe Gottes keinen Unterschied zwischen dem eben erst gezeugten menschlichen Wesen und dem bereits geborenen Kind, dem Jugendlichen und dem reifen oder greisen Menschen, dem kranken und gesunden, dem arbeitsfähigen und dem behinderten Menschen macht. Gott hat die Welt auf vollkommene Weise geschaffen, nur wir stören durch unsere Sünden ständig die Harmonie und vermehren das Chaos und das Leid. Gott hat in seiner Liebe seinen Sohn hingegeben, damit dieser für unsere Sünden stirbt und die Würde des menschlichen Wesens trotz aller Sünde, Gebrechlichkeit und Leiden wieder herstellt. Haben wir etwa das Recht, Personen zu instrumentalisieren, für die der Sohn Gottes am Kreuz sein Leben hingegeben hat?
Wenn der Mensch vergisst, wer er vor dem Angesicht Gottes ist, der uns das Leben und die Erlösung geschenkt hat, dann betritt er den gefährlichen Weg der Illusion, er selbst sei „Herr über Leben und Tod“. Die Entwicklung der In-vitro-Technik hat in vielen Ländern zur Schaffung von „Banken“ mit Embryonen geführt, die nicht eingesetzt wurden und daher für die Vernichtung bestimmt sind. Manche schlagen vor, sie für Forschungszwecke, für die Organzüchtung oder für andere entsetzliche Ziele zu verwenden. Der Diener Gottes Johannes Paul II. machte deutlich, dass „es keine moralisch vertretbare Lösung gibt, die den vielen Tausenden von eingefrorenen Embryonen eine menschliche Zukunft ermöglichen würde“, und appellierte an das Gewissen der Ärzte, dieser „Produktion“ einfach Einhalt zu gebieten. Es ist nämlich immer leichter, ein Problem gar nicht erst zu schaffen, als es später in so ungeheurem Ausmaß wieder beheben zu müssen.
Kehren wir zum Anfang unserer Überlegungen zurück. Logisch gedacht könnte man erwarten, dass Personen und Kreise, die für die Methoden der künstlichen Befruchtung eintreten, sich gegen Abtreibung, Verhütung und die gesamte Ideologie des Todes einsetzen. Derweil ist es genau andersherum. Jeder gesund denkende Mensch, der das sieht, wird sich sehr leicht davon überzeugen können, dass die Förderung von In vitro ein weiteres Element der Kampagne gegen das Leben ist, die zur Vernichtung der Familie, zur Trennung von Fortpflanzung und ehelicher Liebe und im Endeffekt zur Zerstörung des Menschseins führt. Jedem Gläubigen ist bewusst, dass dies nicht das Ergebnis einer Verschwörung oder der Einwirkung einer konkreten Gruppe von Menschen ist, sondern der Sünde als solcher, die blind und unfrei macht, und die Liebe in Egoismus verwandelt. Deshalb sollten wir für jene beten, die in die Falle der Sünde geraten sind, und uns dem Bösen, das die Technologie der künstlichen Befruchtung mit sich bringt und die den Menschen seiner Würde beraubt, entschieden entgegenstellen.
M. Rucki
 
Jedes Jahr findet in den Mutterschößen ein Zweiter Weltkrieg statt, wobei weitere 50 Mio. wehrlose Wesen unter schrecklichen Qualen sterben, indem sie bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen, mit ätzenden Substanzen verbrannt oder auf andere unmenschliche Weise zu Tode gebracht werden
Die In-vitro-Befruchtung ist unweigerlich mit der gezielten Vernichtung von Embryonen verbunden. Bei dieser Methode wird der Mensch ganz einfach als Zellhaufen behandelt, den man benutzt, den man selektiert, verwirft und vernichtet
 

Der Arzt, der doch das menschliche Leben hochschätzen und um jeden Preis darum kämpfen sollte, wird zum Töpfer, der die misslungenen Töpfe einstampft.

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